Warum digitale Arbeitswelten dem Mittelstand Vorteile bringen

Arbeit 4.0 ist aktuell das Schlagwort für die Digitalisierung der Arbeitswelt und beinhaltet neben neuen Bürokonzepten, agilen Methoden und Remote Arbeit noch zahlreiche weitere Themen.

Beispiele von Arbeit 4.0 finden sich in der Presse vorwiegend im Bereich großer Konzerne und nicht im Mittelstand. So versucht beispielsweise das Unternehmen Adidas mit einem neuen Bürokomplex agile Methoden auch in der Gebäudestruktur umzusetzen. Das Konzept besteht überwiegend aus Besprechungsräumen, in welchen sich die Mitarbeiter täglich einen neuen Arbeitsplatz suchen müssen. Dadurch sollen Austausch und Vernetzung gefördert werden. Auch das Unternehmen Telekom gestaltet die Vision der Arbeit 4.0 mit dem Projekt „Shareground“ aus. Dabei soll aus dem klassischen Büro mit Anwesenheitspflicht ein freiwilliges Arbeitsumfeld werden. Hierbei dominieren offene Bürowelten, Möglichkeiten des Desk-Sharing, Räume zum Netzwerken, Projekt- und Kreativräume sowie die Option zum Homeoffice.

Wettbewerbsvorteile durch Arbeit 4.0

Arbeit 4.0 zählt auch zu den Schlagwörtern beim Recruiting von Fachkräften. Die Vorteile liegen dabei vor allem in der Generation Y (1980-1995) und Z (1995 -2010), welche nach Selbstbestimmung, Digitalisierung und Spaß streben. Dabei rücken Benefits der Vergangenheit wie ein hohes Gehalt, der Geschäftswagen oder die Altersvorsorge eher in den Hintergrund. Ein weiterer Effekt ist natürlich auch, dass glückliche Mitarbeiter auch eine bessere Arbeitsleistung erbringen und das Unternehmen in der Regel nicht verlassen.

Auch beim Fachkräftemangel in Ballungsgebieten bietet Arbeit 4.0 Vorteile. Auf der einen Seite müssen Fachkräfte nicht täglich durch den dichten Verkehr der Innenstadt fahren, sondern können stattdessen aus dem Homeoffice digital ins Büro anreisen oder zu ruhigeren Zeiten bzw. gar nicht ins Büro kommen. Weiterhin können Fachkräfte aus dem ländlichen Bereich rekrutiert werden, welche größtenteils virtuell mit Kollegen zusammenarbeiten. Dabei können auch langjährige Mitarbeiter trotz Umzug im Unternehmen gehalten werden.

Der deutsche Mittelstand

Generell ist ein Unternehmen aus dem Mittelstand maßgeblich durch den Eigentümer bzw. Gründer beeinflusst. Dabei sind die meisten Unternehmen im Mittelstand sogenannte kleine und mittlere Unternehmen (bis 249 MA und 50 Mio. Euro Umsatz). Diese repräsentieren 99,3% der deutschen Unternehmenslandschaft. Dabei zeichnen sich diese Unternehmen durch folgende Charakteristika aus:

  • Kurze Entscheidungswege
  • Geringe Prozesslandschaft
  • Geringe Budgets
  • „Hands-on“ Mentalität

Arbeit 4.0 im Mittelstand

In meiner Forschung habe ich gemeinsam in fünf Roundtables mit 14 Vorständen und Managern aus dem Mittelstand Möglichkeiten zur Ausgestaltung der Arbeit 4.0 evaluiert. Dabei nutzen die Mehrzahl der Manager bereits selbst die Möglichkeit des Homeoffice. Hierbei fokussieren sich die Teilnehmer aus dem Mittelstand auf orts- und zeitflexible Arbeit zur Erhöhung der Work-Live-Balance. So sagte ein Teilnehmer im Roundtable: „Idealerweise beginnt der Mitarbeiter morgens um 7:30 Uhr und endet abends um 21:30 Uhr. Morgens beginnt er mit dem Call nach Shanghai, östliche Zeitzone. Und abends ist nochmal ein Meeting mit Los Angeles dran. [...] Das macht er von zu Hause.“ Auch der Vorstand eines Consultingunternehmens fordert im Roundtable für sich selbst ebenfalls eine höhere Autonomie in der Arbeitserledigung: „Ich möchte die Freiheit haben, auch abends um 10 Uhr noch meine Mails zu verschicken!“

Ziel der Manager im Roundtable war dabei die Auflösung von Arbeitsort und Arbeitszeit. Es gilt daher für Mitarbeiter, Arbeit und Privatleben in Einklang zu bringen. Auf der einen Seite können dadurch Kundenaufträge flexibler erledigt werden und auf der anderen Seite steigt gleichzeitig die Mitarbeiterzufriedenheit. Für Unternehmen aus dem Mitteltand, wo die Ressouce Personal eine entscheidende ist, ein nicht zu verachtender Faktor in Sachen Employer Branding.

HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN FÜR DEN MITTELSTAND

Arbeit 4.0 im Mittelstand unterscheidet sich maßgeblich von Konzernen. Dabei können gerade mittelständische Unternehmen ihre Stärken ausspielen: durch kurze Entscheidungswege können sie Szenarien rund um Arbeit 4.0 schneller und flexibler umsetzen als große Unternehmen. Bereits in den Studien zu meiner Doktorarbeit (Lindner 2019) sagte mir der Vorstand eines KMU: „Solange die Großen es nicht schaffen, sich da zu verbessern, ist das eine riesige Chance für kleine Unternehmen, die Talente zu bekommen.“ Dabei sind zwar Neubauten und ausgefallene Bürokonzepte zu teuer, allerdings können KMU sich auf flexible und kostengünstige Maßnahmen fokussieren.

Mittelständische Unternehmen können ihre Stärken ausspielen und Arbeit 4.0 schneller umsetzen.

Meine Empfehlungen sind:

  • Unternehmen aus dem Mittelstand können durch kurze Entscheidungswege, Homeoffice und mobile Arbeit einfacher und schneller für Mitarbeiter anbieten als Konzerne und sind somit häufig attraktiver für Fachkräfte.
     
  • Eine Lockerung von Kernzeiten kann in KMU meist schneller durchgesetzt werden als in Konzernen, weswegen die Work-Life-Balance für Mitarbeiter durch Gleitzeit erhöht werden kann.
     
  • Durch kürzere Entscheidungswege können KMU Konzepte wie „Bring your own device“ oder neuartige agile Methoden schneller ausprobieren als Konzerne.
     
  • Aufgrund des kleineren Budgets von KMU sind neue Bürokonzepte oft mit einem Neubau verbunden und daher für den Mittelstand schwer umsetzbar. Jedoch können auch bereits bestehende Räumlichkeiten hinsichtlich Arbeit 4.0 umgestaltet werden.

 

Gastbeitrag von Dominic Lindner:

Dominic Lindner ist seit 2016 externer Doktorand der FAU Erlangen-Nürnberg am Lehrstuhl für IT-Management und als Associate Manager bei einem mittelständischen Unternehmen in Nürnberg tätig. Sein Forschungsinteresse liegt im Bereich Arbeit 4.0, Agilität und Digital Leadership. Vorher absolvierte Dominic Lindner einen Master in Wirtschaftsinformatik in Nürnberg und Schweden und war zwei Jahre als IT-Consultant tätig. 2016 wurde seine Masterarbeit mit dem deutschen Studienpreis für Projektmanagement der GPM ausgezeichnet. Kontakt: dominic.lindner@agile-unternehmen.de

 

Quelle

Lindner, D. (2019). KMU im digitalen Wandel: Ergebnisse empirischer Studien. Wiesbaden: Springer Gabler.

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Über den Autor

Dominic Lindner

Unser Gastautor ist seit 2016 als externer Doktorand der FAU Erlangen-Nürnberg am Lehrstuhl für IT-Management tätig. Sein Forschungsinteresse: Arbeit 4.0, Agilität und Digital Leadership – und der Mittelstand.  Er bloggt auf  www.agile-unternehmen.de.

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