ARBEITSWELTEN DER ZUKUNFT - INTERVIEW MIT HARALD FORTMANN

Unsere Arbeitswelten befinden sich in einem wichtigen Wandlungsprozess. Unternehmen müssen sich in hochvolatilen Märkten behaupten und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Bedürfnisse der Mitarbeiter nach mehr Selbstbestimmung und Work-Life-Balance nicht unter den Tisch fallen. Über die Entwicklungen der Arbeitswelten der Zukunft haben wir uns mit Harald Fortmann unterhalten. Er ist seit 1996 in der digitalen Wirtschaft aktiv und gilt als einer der bestvernetzten Manager der Branche. Seit 2003 engagiert er sich im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. und gehörte 10 Jahre dem Präsidium an. Heute setzt er sich in Politik, Wirtschaft und Lehre für die Belange der digitalen Branche und die Etablierung von New Work Prinzipien ein.

Fortmann hat sich bei zahlreichen Bildungsinstitutionen für die Einrichtung von digitalen Aus- und Weiterbildungsangeboten eingesetzt und vielfache Curriculares entwickelt. Viele Jahre gab er selbst als Lehrbeauftragter für Online Marketing an diversen Hochschulen sein Wissen weiter und wurde u.a. bei der DDA als Dozent des Jahrzehnts ausgezeichnet. Seit 2013 hat Fortmann sich der Personalberatung verschrieben und konnte so seine Leidenschaft für Menschen und Digitales verbinden. Bei „five14“ ist er heute insbesondere für die Beratung von Konzernen und marktführenden mittelständischen Unternehmen bei der Neubesetzung von Führungsgremien zuständig und begleitet diese bei der strategischen Planung und Umsetzung ihrer digitalen Transformation.

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Harald Fortmann, Quelle: five14, Frank Wartenberg

HERR FORTMANN, In Ihrem Buch SIND VIER STICHWORTE wichtig: TRENDS, ARBEITSRAUM, MENSCHEN, KOMPETENZ. BEGINNEND MIT DEM ERSTEN: WAS SIND DIE WICHTIGSTEN TRENDS, WENN SIE AN DIE ARBEITSWELT DER ZUKUNFT DENKEN?

Die Arbeitswelt der Zukunft lässt sich durch das definieren, was wir schon in der Arbeitswelt von heute die New Work Era nennen. Geprägt von der Digitalisierung der Arbeitswelt hat sich die Art, wie wir arbeiten verändert. Dazu gekommen ist, bedingt durch den langjährigen Aufschwung, die Veränderung der Ansprüche der Kandidaten. Denn wir sind in einem Kandidatenmarkt angekommen. Der Fachkräftemangel hat dazu geführt, dass sich Arbeitgeber bei gewünschten Arbeitnehmern vorstellen und diese überzeugen müssen. Durch den gesellschaftlichen Wandel sind noch der Wunsch nach Nachhaltigkeit und einem Purpose, also einem Sinn in der Aufgabe, hinzugekommen. Dies alles führt dazu, dass Arbeit neu gedacht werden muss. Viele reduzieren das auf den Wunsch, dass Arbeitnehmer weniger arbeiten wollen, aber das ist viel zu kurz gedacht. Es geht um die Flexibilisierung der Arbeit hinsichtlich Zeit und Ort, aber auch der Aufgabe. Dieses gesamte Konstrukt macht einen Megatrend aus, der sich unter Arbeitswelt der Zukunft subsumieren lässt.

ist der Arbeitsraum in diesem Zusammenhang nur noch ein abstrakter Begriff?

Auch bei einer Flexibilisierung des Arbeitsortes oder sogar bei Unternehmen, die komplett auf Remote Work setzen, ist der Arbeitsraum real. Wir müssen hier die Frage stellen „Is Work Home or is Home work?“ und stellen fest, dass die Grenzen verschwimmen. Die Büros werden immer wohnlicher, der Arbeitsplatz im trauten Heim – sei es die Couch oder ein Arbeitszimmer – ist bei vielen vorhanden und der Latte Macchiato Workplace im Starbucks ebenso in der Arbeitswelt angekommen. Unternehmen wie USM und Vitra setzen sich sehr stark mit der neuen Gestaltung des Arbeitsplatzes auseinander und haben hier nicht nur Trend Scouts, sondern organisieren ganze Events zur Wissensteilung und -generierung rund um diese Themen. Die Flexibilisierung der Arbeitswelt und -zeit bedeutet vor allem, dass der Mitarbeiter nicht mehr nur einen einzigen Arbeitsplatz hat. Gefördert durch die Digitalisierung und vor allem die portable Technik und Cloud Lösungen ist heute alles möglich.

Wie wichtig ist es für Unternehmen, sich hinsichtlich Flexibilität, agiler Unternehmensstrukturen und der Bedürfnisse der Mitarbeiter zu öffnen?

Der Fachkräftemangel hemmt seit einigen Jahren bereits die Wirtschaft und das in vielen Branchen. Dazu kommt der Drang der jüngeren Generationen zur Großstadt, was es für Unternehmen, die nicht in den Trendmetropolen Hamburg, Berlin oder München sitzen, zusätzlich schwierig macht. Employer Branding ist heute keine Kür mehr und hierzu gehören nicht nur markante Anzeigen oder lustige Filmchen auf den Business Networks. Kandidaten hinterfragen Unternehmen und deren Kultur und lassen sich von einer Scheinwelt nicht mehr blenden. Unternehmen, die sich diesen Themen nicht öffnen, werden bei der Rekrutierung neuer Fach- und Führungskräfte nicht erfolgreich sein. Am Ende ist aber wichtig: New Work bedeutet nicht No Work. Es geht nicht darum, ein Bällebad zu installieren, Club Mate gekühlt zu lagern und einen Feelgood Manager einzustellen. Es geht darum, die Potentiale einer digitalen Arbeitswelt im Sinne der Kultur und Möglichkeiten des Unternehmens auszuschöpfen – das Ganze von vornherein im Austausch mit den Mitarbeitern und Bewerbern.

New Work bedeutet nicht No Work. Es geht nicht darum, ein Bällebad zu installieren

Ein Begriff ist vor allem hinsichtlich Workforce Management interessant - die atmende Organisation. Wie ist die zu erreichen?

Die „atmende Organisation“ ebenso wie die „liquide Organisation“ sind Organisationsformen, die in der New Work Era essentiell sind. Es müssen Organisationen geschaffen werden, die einem erlauben zu agieren und nicht nur zu reagieren. So können Unternehmen am Markt bestehen und gleichzeitig den Wünschen der Arbeitnehmer gerecht werden. Atmende Organisationen erreicht man durch eine Loslösung von der starren 40-Stunde-Woche. Unterschiedliche, flexible Arbeitszeitmodelle müssen her, sodass eine Art Mosaik aus unterschiedlichen Modellen entsteht. Durch diese Flexibilisierung und eine offene Unternehmenskultur können Mitarbeiter kooperativ zusammenarbeiten und ihr Wissen teilen. Wissens-Silos, starre Hierarchien und Abteilungsdenken lösen sich so auf und es findet ein echter Wissenstransfer statt. Auch wenn wir an heutige Herausforderungen in der Arbeitswelt wie den Fachkräftemangel denken, wird sehr deutlich, dass Veränderungen dringend nötig sind.

Kommen wir zu Stichwort Nummer vier. die digitale Transformation braucht die richtigen Kompetenzen. Wo müssen, wo können Unternehmen da ansetzen?

Das Angebot für digitale Bildung ist bis heute nur in wenigen Fällen in Deutschland erfolgreich, wird aber aufgrund des Bedarfs stetig ausgebaut. Bevor jedoch willkürlich Weiterbildungsangebote für Mitarbeiter gebucht werden, ist eine genaue Bedarfs- und Potentialanalyse von Nöten. Ein „Digital Fitness“ Test kann zunächst einmal darstellen, welcher Mitarbeiter die digitale Transformation will und dafür bereit ist. Denn nur dann wird der Mitarbeiter mit entsprechenden Angeboten sein Können erweitern können. Das Wichtigste an der digitalen Transformation ist jedoch, dass man die Mitarbeiter von vornherein mit einbezieht und mit ihnen kommuniziert.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Fortmann.

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Über den Autor

Dominik Laska

Er jongliert gern mit Worten, bei Phrasen und Floskeln bekommt er Zahnschmerzen. Der gelernte Journalist hat sein Handwerk sowohl im Print als auch Online gelernt. Der gebürtige Berliner schreibt für den ATOSS Work Blog über alle Themen moderner Arbeitswelten.

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