Ein Team aus Menschen und Maschine ist unschlagbar

Dr. Christian Elsner, CFO der Universitätsmedizin Mainz, ist die treibende Kraft hinter dem Healthcare Hackathon, der vom 22. bis 24. Juni im Alten Postlager in Mainz stattfindet. Im Interview spricht Dr. Elsner u.a. über das Geheimnis des Erfolgs dieser Veranstaltung, den enormen Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf das Gesundheitswesen und die Gründe, warum ein gutes Projekt nicht immer erfolgreich sein muss…

Herr Dr. Elsner, dieses Jahr findet zum achten Mal der Healthcare Hackathon statt, das fünfte Mal in Mainz. Schirmherr ist u.a. das Bundesministerium für Gesundheit. Was ist der Grund für den Erfolg dieses Hackathons?

Dr. Christian Elsner: Der Healthcare Hackathon Mainz ist so erfolgreich, weil er eine Plattform für den zwanglosen Austausch bietet. Einen Austausch, bei dem man – wie es unser Digitalisierungsminister Alexander Schweitzer so schön gesagt hat – Spaß haben kann und darf, und trotzdem – oder gerade deswegen – gemeinsam sehr produktiv Probleme des Alltags bearbeitet und bewältigt.
 

Der Erfolg hat sicher auch mit den Teilnehmern zu tun?

Die Mischung der Leute stimmt: Die Politik, die Nutzer, die Anwender und auch die Patientinnen und Patienten, also die Menschen, für die wir es machen, sind dabei. Wichtig sind auch unsere Partner aus der Industrie, die alles miteinander vernetzen und uns mit ihren Ideen und ihrer Technologie unterstützen. Daraus entsteht eine schöne und erfolgreiche Mischung, in der es Spaß macht zusammenzuarbeiten und produktiv zu sein.
 

Sind solche Veranstaltungen notwendig, um den Wandel des Gesundheitswesens voranzutreiben? Sie sprachen im vergangenen Jahr von einer „Spielwiese für Co-Creation“…

Absolut! Es gilt bei diesem Format zu berücksichtigen: Man muss das Scheitern zulassen. Der Weg ist in Teilen auch das Ziel. Wir müssen uns mit Ideen und Technologien auseinandersetzen. Ganz wichtig ist, dass unsere Mitarbeitenden das tun können, ohne gleich die Angst zu bekommen: Oh Gott, wenn das Projekt jetzt scheitert…? Es gehört dazu, dass man Dinge ausprobiert und hinterher sagt: Ja, wir haben etwas gelernt. Wir wissen jetzt, was wir beim nächsten Mal anders machen müssen.
 


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Haben Sie ein Beispiel dafür?

Mein Lieblingsbeispiel: Teams, die sich mit Digitalisierungstechnologien, einer App-Lösung oder auch neuen Arbeitszeitmodellen auseinandergesetzt haben. Auch wenn diese eine Idee dann nicht zum Tragen kommt, gehen diese Kolleginnen und Kollegen ganz anders an zukünftige Problemstellungen heran. Deshalb ganz klar: Ja, so eine Spielwiese brauchen wir.
 

Welche konkreten Herausforderungen im Gesundheitswesen sehen Sie aktuell?

Die größte Herausforderung ist der Fachkräftemangel. Leute zu finden, die qualifiziert sind oder sich qualifizieren und im Gesundheitswesen arbeiten wollen. Das ist ein großes Thema – und dann natürlich auch die veränderten Herausforderungen der Arbeitswelt. Wir haben heute Mitarbeitende, die mit anderen Ansprüchen auf die Arbeitgeber zukommen, als das in der Vergangenheit der Fall war. Die Themen Flexibilität und Beteiligung stehen sehr häufig im Vordergrund.
 

Was macht Ihr Haus, um als Arbeitgeber attraktiv für Mitarbeitende und potenzielle Mitarbeitende zu sein?

Verglichen mit anderen Kliniken sind wir ganz gut unterwegs. Unser Rezept an der Stelle ist etwas, dass wir gemeinsam mit ATOSS erarbeitet haben: Wir beteiligen unsere Mitarbeitenden. Wir bieten Flexibilität an – über Tarifverträge, digitale Lösungen und zahlreiche Mitarbeiterangebote wie zum Beispiel das Job Rad oder eine Kinderbetreuung. Wir waren eine der ersten Kliniken, die einen Entlastungstarifvertrag angeboten und die Mitarbeitenden dabei eingebunden hat. Unser Motto lautet: Flexibilität ohne überbordenden Administrationsaufwand.

Unser Motto lautet: Flexibilität ohne überbordenden Administrationsaufwand.

In der Kategorie „New Work“ hat ATOSS wieder eine gemeinsame Challenge mit der Universitätsmedizin Mainz – in Kooperation mit Fraunhofer IKS und Flying Health. Diese Challenge ist eine konsequente Fortführung unserer Challenge 2022, die unter dem Thema „Wetterbericht für die Belastungssituation auf der Station“ an den Start ging. Worum geht es in diesem Jahr bzw. was ist das Ziel der gemeinsamen Challenge?

Die Challenge „New Work“ ist eine von den schönen Challenges, bei der nicht nur der Weg das Ziel war, sondern ganz konkrete Lösungen bei unseren Mitarbeitenden angekommen sind. Im Wesentlichen geht es bei „New Work“ um die Weiterentwicklung der erfolgreichen Lösungen, die wir im Kontext der PPR2.0 oder des Entlastungstarifvertrags erarbeitet haben. Traditionell ist es so, dass wir darüber hinaus weitere Schwerpunkte haben. Einer davon ist in diesem Jahr das Thema KI.
 

Wie wird das konkret umgesetzt?

Bestes Beispiel: der Wetterbericht für die Belastungssituation auf der Station. Zugrunde liegt die Idee, dass wir nicht nur eine flexible Lösung haben, die wir beplanen, sondern auch einen Blick in die Zukunft richten können. Im Idealfall werden Belastungssituationen nicht mehr auftreten, da man aus vorhandenen Daten auf die Zukunft schließen kann. Muss ich in Zukunft an der Stelle vielleicht umplanen, Stationsbesetzungen ändern und dergleichen? Dafür werden wir KI einsetzen. Wir werden auch analysieren, welche Daten geeignet sind, um eine solche Zukunftsvorhersage so exakt wie möglich treffen zu können.
 

Das Thema KI findet sich nicht nur in der Challenge “New Work” wieder. Es gibt auch noch die Themeninsel “KI und ChatGPT”. Was verbirgt sich dahinter?

Die Themeninsel „KI und ChatGPT“ befindet sich bewusst in der direkten Nachbarschaft zur ATOSS Themeninsel „New Work“, da wir ATOSS stark mit dem Thema KI verwoben sehen. Hier haben wir verschiedenste spannende KI-Themen und das Thema Chat GPT besonders hervorgehoben, denn wir planen eine innovative Sache.

Dr. Christian Elsner

Die Themeninsel KI und ChatGPT befindet sich bewusst in der direkten Nachbarschaft zur ATOSS Themeninsel New Work, da wir ATOSS stark mit dem Thema KI verwoben sehen.

Dr. Christian Elsner
CFO, Universitätsmedizin Mainz

Das macht neugierig. Worum geht es genau?

Wir werden uns folgender Frage widmen: Wie können wir mit ChatGPT eine Anwendungsverprobung machen, um zu erkennen, inwieweit die Technologie tatsächlich dazu geeignet ist, die Gesundheitsbranche noch weiter zu unterstützen. Da Datenschutz ein großes Thema und auch Problem ist, werden wir synthetische Daten nutzen. Wir haben daher 200 synthetische Krankenakten und Pflegeübergabegespräche generiert, mit denen die verschiedenen Technologiepartner und ihre Teams datenkonform Use Cases erstellen können.
 

Können Sie das genauer an Beispielen erklären?

Gerne. Ich nenne Ihnen zwei Beispiele: Wir haben 200 Pflegeübergabegespräche synthetisch generiert – d.h. an echten Gesprächen orientiert schreiben lassen – und prüfen die folgende Fragestellung: Kann ChatGPT aus so einem langen Gespräch direkt eine Pflegeanamnese befüllen oder ein Pflegegrading erstellen? Diese Erkenntnis wiederum wollen wir mit unserem Messaging-Tool verweben, sodass die Pflegekraft schnell und einfach Zugang zu notwendigen Unterlagen und Informationen erhält. Ein weiterer Use Case, den wir aus den Krankenakten generieren wollen, fußt auf der Fragestellung: Kann ein Large Language Model aus einer Krankenakte Arztbriefe generieren? Geht das automatisiert? Übrigens eine tolle Idee, die aus der Pflege kam – von meiner Pflegevorstandskollegin Frau Hahn.
 

Wie evaluieren Sie die Ergebnisse?

Wir werden die Datenqualität von Ärztinnen und Ärzten bewerten lassen, sodass wir eine objektive Einschätzung erhalten. Zu dem Thema ist bereits eine Promotion in Arbeit, und es ist auch schon weitergeplant, was mit diesen Inhalten passieren wird. Das ist übrigens auch wieder eine langfristig angelegte Challenge.
 

Ein Blick nach vorne: Wie schätzen Sie das Thema KI generell ein, wenn Sie über die Zukunft des Gesundheitswesens nachdenken?

In der Radiologie hieß es vor zehn Jahren: Radiologie solle man nicht mehr als Fach ergreifen, das mache alles die Maschine. Ich glaube nicht, dass es in die Richtung geht, dass die KI uns Menschen ersetzen wird. Ich glaube aber, dass wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren ganz interessante Teambuildings zwischen KI und Menschen sehen werden.
 

Worauf wird dieses Teambuilding hinauslaufen?

Ein Team aus Menschen und Maschine ist unschlagbar. An diesem Teambuilding müssen wir arbeiten und es mitgestalten. Man darf nicht in die Lage kommen, dass einem eine Technologie übergestülpt wird. Daher ist es auch so wichtig, dass wir Formate wie den Hackathon vorantreiben. Ein Event, um gemeinsam mit den Mitarbeitenden, den Patienten und allen Beteiligten herauszufinden, wie wir die Technologie am besten einsetzen können. Und da ist ATOSS für uns ein wertvoller Partner, da ATOSS diesen Geist lebt.

Ein Team aus Menschen und Maschine ist unschlagbar. An diesem Teambuilding müssen wir arbeiten und es mitgestalten. 

Lassen Sie uns darüber sprechen, wie man von der Theorie in die Praxis kommt. Oder anders: An welchen Stellen werden bzw. können die Ergebnisse aus den Hackathon-Challenges im Klinikalltag Umsetzung finden?

Mein Paradebeispiel an dieser Stelle sind zwei Apps, die in die Praxis umgesetzt wurden: Da ist die App, die wir zusammen mit ATOSS generiert haben. Hier geht es um das Thema Arbeitszeitmanagement. Das zweite Paradebeispiel, ist wie gerade erwähnt, der New Messenger. Dieser ist bei der Universitätsmedizin Mainz im Einsatz. Mit diesem DSGVO-konformen Tool kann man viel mehr machen, als nur simple Kurznachrichten verschicken.
 

Mehrere Unikliniken veranstalten jetzt ebenfalls Hackathons. Ist das für Sie auch ein Proof of Concept, dass dieses Format funktioniert?

Die Tatsache, dass andere Unikliniken und Kliniken jetzt auch dieses Veranstaltungsformat aufgegriffen haben, ist ein toller Beweis dafür, dass es ein Top-Format ist, das einen echten Nutzeneffekt hat. Wir sind mit diesen Partnern eng vernetzt. Der Mainzer Healthcare Hackathon bleibt aber weiterhin der, der alles sammelt und bündelt. Andernorts wird auch gerne von der „Road to Mainz“ gesprochen. Hier entstehen Ideen, die zusammengetragen werden. Dafür wollen wir gerne die Plattform und Bühne sein.
 

Ein Wissenszuwachs durch das Zusammentragen von Erkenntnissen…

Wir schauen viel voneinander ab: Hier ist das Kopieren explizit erlaubt! Das ist auch eine Philosophie von uns – wir arbeiten viel in Open Source. Wir werden stärker, wenn mehrere auf den gleichen Weg setzen. Dann erreichen wir eine kritische Masse, um politisch und inhaltlich etwas bewegen zu können. Daher ist es eine großartige Entwicklung, dass die Idee des Hackathons auch an anderen Standorten aufgegriffen wird.
 

Wie schaffen Sie es, bei der Uniklinik Mainz diesen Innovationsspirit hochzuhalten? Schieben Sie das an oder ist das eine breite Strömung im Unternehmen?

Innovation muss etwas sein, das vorgelebt wird. Wir als Gesamtvorstand versuchen, Menschen mit diesem Spirit zu rekrutieren und Plattformen für Innovationen zu geben. Denn – ganz wichtig –  man muss dem Ganzen auch einen Raum geben. Innovation zu leben, ohne einen Platz zu haben, an dem sie stattfindet, ist schwierig.

Innovation muss etwas sein, das vorgelebt wird. 

Welche Schritte haben Sie dafür unternommen?

Wir haben einen Innovations-Hub geschaffen und eine neue offene Arbeitsumgebung für die Verwaltung. Dort bieten wir New Work Konzepte mit Flexibilität an. Das wollen wir künftig auch stärker für die Gesundheitsversorgung machen und uns mehr für das medizinische Personal öffnen.
 

Was ist für Sie die Definition eines guten Projekts?

Bei uns ist ein gutes Projekt nicht nur eines, das Erfolg hat. Wir haben auch Projekte goutiert, die den Leuten nur als Spielwiese dienten. Ich denke, viele fürchten neue Technologien, weil sie Angst haben, sie könnten den falschen Knopf drücken. Diese Angst kann man Menschen nur nehmen, wenn man sie mit der Technologie spielen lässt – und das auch belohnt. So versuchen wir, diese Kultur auszubauen.
 

Ihre Aussagen vermitteln den Eindruck, dass in Ihrem Haus das Thema Change Management keine zentrale Rolle spielt...

Ich freue mich, wenn der Eindruck entsteht, dass wir dafür keinen großen Bedarf haben. Genau das Gegenteil ist der Fall. Change Management ist für uns sogar ein großes Thema. Ich glaube daran, dass es wichtig ist, die Leute einzubinden und mitzunehmen. Sonst ist das nur ein kurzfristiger Erfolg, ein kurzes Feuerwerk. Es ist enorm wichtig, durch stetige Kommunikation echte Transparenz und Kritik zuzulassen.


Lieber Herr Dr. Elsner, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen viel Erfolg beim Healthcare Hackathon Mainz. Wir freuen uns sehr, dabei zu sein.